Leicht verkatert erwache ich, nach einer viel zu kurzen Nacht um 6 Uhr in der Früh. Eigentlich erwache ich nicht, sondern werde unsanft geweckt. Heute ist Tag 1 unserer zweiten Comeback-Tour. Tag 1 für Benny Ben Benson als offizielles Mitglied in unserer Kapelle. Heute wird der Grundstein gelegt für unseren musikalischen Untergang in der absoluten Erfolgslosigkeit. Oder werden wir mithilfe des neuen Feuers, des neuen Elans, des neuen Drives, das Ruder auf unsere alten Tage doch noch herumreißen? Immerhin sind wir für heute Abend als Headliner gebucht und nicht, wie sonst als Opener. Machen wir uns nichts vor, es steht und fällt auch mit meiner Performance am Schlagzeug. Ich muss abliefern. Aber erstmal brauche ich unbedingt noch Bier, äh Schlaf, sonst wird das nix. Leider werde ich bis zum nächsten Morgen um 3 Uhr keinen mehr bekommen. Mag für den gemeinen Leser nicht so schlimm anmuten, aber Menschen, die ebenfalls kleine Kinder haben oder hatten können diese Misere nachvollziehen. Darum soll es hier jedoch nicht gehen.

Und davon ab gibt es auch noch eine weitere Misere, in der ich stecke. Irgendwie ist es so gekommen, dass wir einen Bulli gemietet haben. Franca und Renate (heißt die jetzt eigentlich Renate oder Regina?) wollen auch mitkommen. Mit dem Bulli sind wir gemeinsam unterwegs, bekommen sämtliches Equipment mit, und das Beste, alle können ordentlich saufen. Nur der Fahrer natürlich nicht. Ätzend.

Immerhin sind wir drumherum gekommen, pünktlich zum Soundcheck um 12 Uhr in Borgentreich aufschlagen zu müssen. Um 15 Uhr soll der Skatecontest starten, und bis dahin alles aufgebaut und eingepegelt sein. Wir geben uns mit einem Line-Check zufrieden und befahren um 16 Uhr das Borgentreicher Sportgelände. Der Contest ist in vollem Gange. Zwischen dem Skatepark und dem gebannten Publikum verläuft ein schmaler Weg den wir in Schrittgeschwindigkeit mit unserem Bulli passieren. Als wir an der Zuschauermenge vorbeiziehen, bricht Applaus aus. Vielleicht hat da gerade jemand einen tollen Trick gestanden. Aber wir bilden uns ein, sie jubeln wegen uns. Päpstlich winken wir unseren Fans zu.

Wir biegen ab auf eine Wiese. In der prallen Sonne stehen dort zwei Pavillions. Unter dem einen befindet sich die Bühne, auf der schon alles für die erste Band aufgebaut und vorbereitet ist. Wir parken neben der Bühne und steigen aus dem Bulli. Es ist brütend heiß, die Luft zum Schneiden. Meine Haut fühlt sich an, als sei ich aus der Fahrertür direkt in eine Heißluftfritteuse gestiegen.

„Ich mach erstmal Bierpause, sonst halte ich nicht durch bis heute Abend“, sagt Dutta, der während der Fahrt schon ordentlich getankt hat.

„Müssten wir eigentlich auch machen“, meinen Niko und Benny. „Nicht, dass das heute Abend komplett in die Hose geht.“

Ich rolle mit den Augen. Als Drummer kann man eh nur verkacken.

Im zweiten Partyzelt stehen Schützenfestbänke aufgereiht. Am Kopfende ist mit Kabelbindern eine große weiße Spanplatte befestigt, auf die nach unserem Auftritt das anstehende Fußball-WM-Spiel Deutschland gegen Elfenbeinküste projiziert werden soll. Aber vorerst fungiert dieses Zelt als unser Wohnzimmer und wir beginnen uns einzurichten. Beiläufig sehe ich im anliegenden Skatepark immer wieder Männer mit freiem Oberkörper auf den Asphalt klatschen. Der Merch wird aufgebaut, die Verpflegung im Kühlwagen untergebracht (Nudelsalat und Käsebrote) und alles schön gemütlich gemacht. Nebenbei wird ausgiebig belangloses Zeug geredet und die Bierpause beendet. Für mich gibt’s alkoholfrei, wobei <0,5% nicht nichts ist!

Dann gibt es Freizeit und jeder geht seinen Dingen nach. Franca und Benny vergnügen sich mit der Dorfjugend unter dem Rasensprenger. Dutta bedient sich seiner berüchtigten Smalltalk-Fähigkeiten und knüpft neue Bekanntschaften. Niko und Regina fläzen sich an einen Hang in die brennende Sonne, echt keine Ahnung wie sie das aushalten. Und ich versuche in unserem Wohnzimmer auf einer harten Bierzeltbank Schlaf nachzuholen.

Kurze Zeit später finden sich alle wieder ein. Immer wieder betreten nun auch fremde Menschen unser Wohnzimmer und der Skatecontest scheint sich dem Ende zu neigen. So kann man natürlich nicht schlafen. Mit meinem Wohlbefinden geht es bergab.

Die Electric Shox, deren Durchschnittsalter bei 13 Jahren liegen mag, machen sich spielbereit.  So ein paar Electric-Shox könnten auf mich jetzt wiederbelebend wirken. Die Band ist scheinbar ein Familienunternehmen. Mama soll die Nebelmaschine bedienen, Papa 1 fummelt mit am Schlagzeug rum. Ein weiterer Typ mit Plauze stellt sich später als Handyfilm-Dad heraus. Ein Freund, Bruder oder was auch immer macht so Managertätigkeiten und verteilt Visitenkarten. Später nimmt er gerne Lob für die Band entgegen. Im Grunde sehr vielversprechend, was mir zu diesem Zeitpunkt jedoch vollkommen egal ist. Mittlerweile habe ich so 7-8 alkoholfreie Bier getrunken. Bei <0,5% ist das schon fast ein ganzes mit Alkohol. Da kann ich mir auch gleich mal ein richtiges holen. Vielleicht hilft es ja.

Der Skatecontest ist vorüber, der Sieger gekürt und ich stelle mich samt Bier zu meinen Freunden in die brutale Sonne vor die Bühne, auf der Elektric Shox ihre ersten Töne anschlagen. Genauer gesagt tut dies einer der 3 Gitarristen auf seiner spitzkantigen Metal-Axt. Hochgewachsen, sehr dünn, enges, ärmelloses Shirt, mit Camouflage-Muster in verschiedenen Grautönen, kurzes, blondes Haar, erprobter Gesichtsausdruck. Später, nach der Show wird er leicht nickend und lässig zu uns sagen: „Wir geben immer unser Bestes.“

Natürlich will man bei so erfahrenen Altpunkern wie uns Eindruck hinterlassen und möglichst cool wirken, und das gelingt auch ganz ordentlich. Smalltalk-Genie Dutta bleibt trotzt hohem Alkoholpegel freundlich und auf Augenhöhe. Ich muss innerlich schmunzeln. Benny lacht lauthals los. Kein Taktgefühl, der Fiesling. Er kann halt gut mit Kindern.

Der Gitarren-Sound des Camouflage-Jungen ist so präzise eingestellt, dass man am ersten Akkord den Song „Boulevard of broken dreams“ von Green Day sofort erkennt. Es folgen Stücke wie „Eye of the Tiger“, „Zombie“ und das eine von Liquido. Unglaublich, dass diese Lieder für die heutige Jugend genauso lange zurückliegen, wie für uns seinerzeit Jimi Hendrix oder die Beatles.

Die jungen Buben spielen mit einer eindrucksvollen Ungezwungenheit. Alle sind begeistert. Nur ich bin aufgrund meiner körperlichen Verfassung nicht zur Begeisterung in der Lage. Ich hocke mich immer wieder hin und krabbele auf dem Boden herum, um im Schatten meiner Bandmitglieder der Sonne zu entkommen. Das nächste Stück lässt sich wieder nur unschwer an seinen ersten Gitarrentönen erkennen. Zu diesem Song könnte man so viel sagen, aber auch darum soll es hier nicht gehen. Es ist „Sweet Child O‘ Mine“. Alle rasten komplett aus, nur ich nicht. Der Sänger spielt das Gitarrenriff. Wir sind gespannt, was passiert, wenn Gesang und Riff aufeinandertreffen. Wie lösen sie diese knifflige Aufgabe. Guns’n’Roses hatten dafür immerhin Axel Rose und Slash. Aber drauf geschissen, bei Electric Shox macht der Sänger einfach beides gleichzeitig, unglaublich lässig, als hätte er zwei Gehirne.

„Wenn er jetzt noch das Solo nagelt, fahre ich nach Hause“, höre ich Benny sagen, während ich mich auf allen Vieren Richtung Wohnzimmer bewege. Ich halte es in der Sonne einfach nicht mehr aus. Neben meiner Bank liegend höre ich dann, wie er das Solo nagelt.

Bei der nächsten Band OKKA, versuche ich erst gar nicht, der Musik zu folgen. Das echte Bier war nicht hilfreich. Stattdessen hege ich den Gedanken, mich warm zu trommeln (ziemlich absurd bei diesem Wetter). Ich ziehe mich an der Bierbank empor und mache ein paar Fingerübungen auf meinem Gummipad. Sofort rinnt mir der Schweiß sturzbachartig den Rücken hinab, Richtung Arschritze. Ich kann zu diesem Zeitpunkt meine Stöcke keine zwei Minuten am Stück in den Händen bewegen. So kurz sind unsere Songs nicht und später soll ich dann auch noch richtig draufhauen, meine Füße benutzen und meine Schläge über das gesamte Schlagzeug verteilen!? Ein erster Hauch von Panik überkommt mich.

Neben mir sitzen Jule, Duttas Frau (wobei man in diesem Kontext von Stefans Frau sprechen sollte) und seine beiden Kinder, die immer wieder gerne dabei sind, wenn sich der Papa danebenbenimmt. Passend zum Event haben sie sogar Skateboards mitgebracht. Um mich auf andere Gedanken zu bringen, will ich ihnen ein paar Tricks zeigen. Aber auch dazu bin ich derzeit nicht in der Lage, was meine Stimmung nicht gerade verbessert.

Während sich die anderen weiter dem Bierkonsum hingeben, hieve ich meine Sachen (Becken, Snare, Fußmaschine, Schweißtuch, das Übliche halt) aus dem Buli und bereite alles vor, für einen reibungslosen, zügigen Aufbau. OKKA spielen derweil ihren letzten Song. Wie die Elecrtic Shox ist OKKA ebenfalls eine junge aufstrebende Band, die im direkten Vergleich allerdings nur aus Oppas besteht. Die Bandmitglieder haben also eher unser Alter.

Als OPPA fertig sind, schleife ich mein Equipment zur Bühne. Dann schraube ich meine Becken an und richte das Drumset auf meine spieltechnischen Bedürfnisse aus. Die anderen drei machen sich ihren Aufgaben entsprechend ebenfalls bereit. Es wird sporadisch in die Saiten gehauen, an diversen Reglern gedreht, und irgendwas in die Mikros geblökt, bis alle scheinbar halbwegs zufrieden und startklar sind.

„Was machen wir als Linecheck?“, fragt Benny. Ich sage: „Sedated„, und „1,2,3,4“, schon geht das los.

Erstaunlich locker geht mir der Ramones-Klassiker von den Händen. Der Song weist allerdings auch keine nennenswerten Schwierigkeiten auf. Der Sound draußen scheint in Ordnung zu sein. Auf der Bühne ist er hingegen zweifelhaft. Egal.

Anschließend eröffnet unser äußerst betrunkener Frontman offiziell die Show mit einer Stand-Up-Comedy-Einlage, indem er mit übertriebenem Akzent, aber durchaus authentisch, seine eigene indische Herkunft parodiert. Aufgrund des fragwürdigen Sounds auf der Bühne, habe ich keine Ahnung, was er da redet. Der betrunkene Bassist lacht. Das Publikum ist sichtlich verwirrt. Duttas Kinder wenden beschämt ihre Blicke ab.

„Jahaaa, Papa ist wieder peiiiinlich!“, schreit Dutta in sein Mikrofon. Benny dreht sich zu mir: „Wie geht ‚Engine‘ nochma‘?“ Dutta erzählt was von Indien.

„Da-da-da-da-da-da-da-daaaa!“, schreie ich Benny entgegen.

Niko meint derweil mit Assi-Akzent, Dutta sei „ein bisschen ein Otto geworden!“

Warum hat Niko eigentlich sein Kleid nicht an?, frage ich mich.

„Ahja“, lallt Benny.

Meine Hände verkrampfen sich. Mir wird klar, dass ich hier gerade auf der Bühne der einzige bin, der die Sache halbwegs ernst nimmt, dem nicht alles scheißegal ist. Ich schüttele meine Hände und dehne meine Handgelenke. Der Schweiß läuft am gesamten Köper herunter. Besonders extrem geöffnet sind meine Schweißporen an den Händen, unter den Achseln sowie die zwischen Arschloch und Hodensack. Mir wird schwindelig, ich schließe die Augen, versuche zu atmen und dann zähle ich ein…

Als ich wieder zu mir komme, befinden wir uns am Ende der ersten Strophe. Ich erschrecke mich und versemmele das Fill zum Refrain. „Turn the keys and start the engine, engine, engine, engine…“ Das Tempo ist zum Glück nicht ins Wanken geraten. Ich konzentriere mich. Der Fokus wächst, ich nicke mit dem Kopf. Nein, ich höre wieder auf zu nicken. Ich muss mich konzentrieren. Alles fühlt sich anders an als sonst. Ich muss an meine körperlichen Grenzen gehen. Ich spüre, dass meine Performance darunter leidet und ich unkontrolliert die Fresse verziehe. Ich versuche das mit einem Lächeln zu kaschieren, aber dabei vergesse ich den Song. Schnell wieder konzentrieren. Egal Mann. Egal, wie du guckst, du Wichser. Spiel einfach den Scheiß runter. Alter, du kannst das doch. Du bist geil, Alter. Scheiße, konzentrieren. Die ersten Songs sind geschafft, Niko und Dutta verzapfen wieder irgendwelchen Unsinn an ihren Mikrofonen und ich singe Benny das Intro vom nächsten Stück vor. Jetzt spielen wir 4 Songs hintereinander weg („four-in-a-row“ wie Fat Mike sagen würde), also mit nahtlosen Übergängen und ohne Scheiße-Gelaber-Pausen.

Langsam komme ich in den Flow. Yeah, da ist der Flow. Jetzt läuft’s. Bäm, jetzt groovt’s. Zack, hier. Dababap! Ich bin im Moment, yeah! Was mache ich morgen eigentlich? Ach ja, neun Uhr Schwimmkurs mit der Kurzen. Da muss ich echt früh raus. Oh, gleich kommt die Bridge. Und zack, weiter geht’s. Nachher kommt ja noch Fußball hier. Die anderen wollen das bestimmt noch gucken. Egal, jetzt erstmal hier wieder konzentrieren. Läuft doch, denke ich noch. Aber dann passiert es. Das wohl Unvermeidbare. Welcher Song kommt eigentlich als nächstes?, frage ich mich. Kurzer Blick auf die Setlist. Ach ja, Burnout (der zweite Coversong). Wie geht dabei nochmal mein Schlagzeug-Solo. Oh nein, das verkacke ich in meinem heutigen Zustand doch garantiert. Nee, warte erst Tom-Snare, dann über die Tomms wandern, dann 3 über 4…

Welchen Song spielen wir eigentlich gerade in diesem Moment? Zu spät! Ich trommle bereits irgendwas auf den Toms. Eigentlich müsste sich mein rechter Stock jetzt auf der Hihat befinden. Kacke, wie kann ich das nur kaschieren? Ich warte die Hälfte der Strophe ab und wechsle dann selbstbewusst auf die Hihat. Das ist zumindest mein Plan. Als es so weit ist, bleibe ich bei der Umsetzung meines Plans mit dem Stock an der Unterkante des zweiten Toms hängen. Scheiße, denke ich geschockt. Ein Fehler und alles ist vorbei. Es ist, als liefe unser Konzert auf einer VHS-Kassette und jemand hat die Pause-Taste am Gerät gedrückt. Die Zeit bleibt stehen. Vor mir sehe ich diese flackernden Streifen auf dem Bildschirm eines Röhrenfernsehers. Hab‘ neulich noch so eine Doku über Freeclimber geguckt. Jeder Handgriff kann über Leben und Tod entscheiden. Da kannst du noch so gut vorbereitet sein. Ein falscher Gedanke, die kleinste Unaufmerksamkeit und schon bist du hinüber. Auch bei diesen Akrobaten im Zirkus ist das so, also bei denen die kein Netz haben. Warum tut man sich sowas an. Nervenkitzel? Selbstzerstörungsdrang? Legendenstatus? Keine Ahnung. Im wahren Leben kann man diese Momente jedenfalls nicht einfrieren, wie auf einer VHS-Kassette. Man kann sich auch nicht aus der Situation herauszaubern. Abbruch wäre eine Option. Einfach umfallen und ein Aneurysma vortäuschen. Dann auf den Krankenwagen warten und weg hier.

Plötzlich vernehme ich aus den Untiefen meines Bewusstseins die Stimme von Ricky Lawson: „You can’t do that, man! That’s crazy.“

Recht hast du, Ricky! Ich schäme mich. Ich kann hier in Borgentreich nicht simulieren, was meinem großen Idol im wahren Leben widerfahren ist. Reiß dich zusammen du Schweinehund, rufe ich mir zu. Komm schon, volles Risiko, bring den scheiß Song zu Ende und dann nagelst du das Solo von Burnout, sowie der 13-Jährige eben das Slash-Solo, Mann.

Und tatsächlich, ich rette, was zu retten ist. Indem ich mein Handgelenk im genau richtigen Moment entspanne und mit einer geschickten Drehung gegen den Uhrzeigersinn meine Finger zugleich nach links Richtung Hihat bewege, riskiere ich zwar die Kontrolle zu verlieren, da ich den Stock für einen kurzen Augenblick frei geben muss (ich antizipiere die Flugbahn für diesen Augenblick jedoch perfekt und erlange die Kontrolle unmittelbar zurück), dadurch gelingt ich es mir aber, nahezu pünktlich die Hihat zu erreichen. Ich verpasse lediglich die erste Achtel der zweiten Strophenhälfte. Ein Ergebnis mit dem ich bestens Leben kann. Ricky wäre stolz auf mich!

Danach läuft es besser bei mir. Das Drum-Solo von Burnout wird zwar nicht genagelt, aber ich spiele es ganz okay. Die restlichen Songs kann ich sogar halbwegs genießen. Während die drei Besoffenen vor mir, wie bei starkem Wellengang, auf dem Oberdeck hin und her taumeln, läuft das Schiff langsam in den Hafen ein. Das Ganze jetzt nur noch ordentlich nach Hause bringen, denke ich, wie damals, bei meiner Führerscheinprüfung. Ich schaue mich um. Einige Borgentreicher wippen kräftig im Takt. Franca und Renate halten ein Schild hoch und jubeln. Die Zuschauer scheinen zufrieden mit uns. Sogar diejenigen im Deutschland-Trikot, die offensichtlich nicht hier sind, weil die Damn Good Kids im Lineup stehen. Und trotzdem fordern sie sogar noch eine Zugabe, wenn auch etwas zögerlich, als wir pünktlich zum Fußballspiel um 21:59 Uhr unser Set beenden. Wir spielen unseren dritten Coversong Police on my back. Die zuvor wippenden Borgentreicher stürmen jetzt nach vorne vor die Bühne und eskalieren komplett. Nicht gerade ein Mosh-Pit, aber immerhin. Der eine fotografiert und filmt jeden von uns mit seinem Handy aus allen erdenklichen Perspektiven. Als ich dran bin, signalisiert er mir, ich solle die Zunge rausstrecken. Alter, sind wir KISS? Na ja, egal, bäähhh!

Nach dem letzten Song lichten sich ziemlich zügig die Reihen, sowohl vor als auch auf der Bühne. Es gilt, die besten Plätze im Fußball-Zelt zu ergattern. Die Bänke in der ersten Reihe sind besonders beliebt.

Langsam und kraftlos nehme ich meine Becken ab, löse die Fußmaschine und falte das Snare-Stativ zusammen. Mein Schweißtuch hat ausgedient. Mit tropfender Kleidung schleife ich mein Equipment zum Bulli. Vorbei an der Fußballmeute. Es steht 0:0. Ich lade alles ein. Im Schutze der Bullitür wringe ich meine Kleidung aus und ziehe etwas Frisches an. Dann begebe ich mich zum Fußballzelt.

Benny sitzt auf einer Bank in der ersten Reihe. Er ist angespannt und nicht ansprechbar. Er fiebert mit, als wäre er gerade in Toronto im Stadion. Dutta quatscht mit fremden Menschen. Franca, Regina und Niko betreuen unseren Merch-Stand und führen tiefsinnige Gespräche. Also die Art tiefsinniger Gespräche, die man unter hohem Alkoholeinfluss führt.

Ich stelle mich zu ihnen und trinke ein alkoholfreies Bier nach dem anderen. Plötzlich geht ein Aufschrei durch die Menge. Benny flucht am lautesten. 1:0 für die Elfenbeinküste. Das drückt natürlich auf die Stimmung. Aber was sich wenig später ereignet, steht in keinem Verhältnis und ist für einen nüchternen Menschen wie mich zutiefst verstörend. Ein Schatten schiebt sich zwischen Beamer und Leinwand. Unmittelbar ertönt ein vereinzeltes: „Ey!“ Der Schatten wächst und verdeckt nun nahezu das gesamte Spielfeld. Das Ganze spielt sich innerhalb weniger Sekunden ab. Das einzelne „Ey!“ wird nun zu einem großen Geschrei und Gefluche. „Ey, ey, Hey, EEEEEYYYY!“ Noch bevor der erste Satz wie „Was soll die Scheiße!“ oder „Verpiss dich da!“ formuliert werden kann, wandert mein Blick zum Beamer, wo ein kleiner Junge blitzartig registriert, das er selbst der Auslöser für diesen Tumult ist. Das passiert wirklich nur beim Fußball, dass eine Horde Besoffener ein Kind niederbrüllt. Der Junge springt zur Seite und senkt den Kopf.

Kurz nach dem Spiel treffen wir vollzählig am Bulli ein. Dutta legt seine Hand auf meine Schulter, blickt mir in die Augen und sagt: „Also, Pille, wir ham uns gedacht, wir haben ja alle jetzt schon so oft so viel Bier geholt, und da haben wir gedacht, dass du ja jetzt mal für alle Bier holen könntest.“ Ich mache mir erst gar nicht die Mühe, eine lustige, schlagfertige Antwort zu finden und marschiere unmittelbar Richtung Theke.

Nach dem kurzen Ärger darüber, dass die Biere nicht geöffnet sind und dieses Problem behoben ist, kommt tatsächlich die Frage auf, warum ich denn wohl Keins trinke.

„Ach ja…“ Mitleidvolle Blicke, betretenes Schweigen. Dann recken alle ihre Flaschen Richtung Himmel: „Auf Pille!“

„Jaja“, sage ich. „Steigt ein, ihr Saufnasen!“

Die Rückfahrt verläuft zunächst ohne größere Komplikationen. Nach einigen Kilometern durch schlafende Ortschaften und über düstere, bewaldete Landstraßen finde ich endlich den Lichtschalter. Die Mucke wird voll aufgedreht und laut mit gegröhlt: „Whoa, we’re half way there! Whoa oh, livin‘ on a prayer!!!“ Wir machen einen Pinkelstopp. Hinter mir wird wild durcheinander geredet. Neben mir pennt Niko ein. Das Übliche halt. Aber ein Highlight soll der Abend noch bereithalten.

In Schrittgeschwindigkeit biegen wir in die verkehrsberuhigte Straße einer Borchener Wohnsiedlung ein. Wir behalten das Tempo bei und rollen zwischen dunklen Einfamilienhäusern die Straße entlang, der letzten Biegung entgegen, der letzten Biegung unseres vorletzten Zwischenstopps, Duttas zu Hause. Mittlerweile ist es tiefe Nacht. Auch in den hinteren Reihen unseres Bullis ist es nach und nach stiller geworden, die Gesprächsthemen weniger aufgeregt. Doch diese entspannte Ruhe wird plötzlich brutal durch Bennys Geschrei durchbrochen: „Wieso ist denn Schulz‘ Garage offen?“ Kurz hinter der Biegung tauchen im Scheinwerferlicht langsam vier finstere Gestalten auf. „Oh nein!“, stöhnt Dutta. „Das sind meine Alkoholiker-Nachbarn.“

Gerade läuft in unserem Bulli Eminem. Ich drehe die Musik lauter und lasse die Fenster herunter. Die vier betrunkenen Nachbarn stürmen euphorisch auf unser Gefährt zu, welches in diesem Moment zum Stillstand kommt. Alle Türen werden aufgerissen und es wird ordentlich gelacht und geschrien. Niko zuckt heftig zusammen, reißt seine Augen auf und erschrickt beinah zu Tode.

„Öh, ich glaub, ich bin eingeschlafen“, lallt er sabbernd.

„Ey, ihr müsst jetzt erstmal Bier mit uns saufen!“, brüllen die Nachbarn.

„Lass die Karre einfach genauso hier stehen!“, befiehlt mir ein dicker, bärtiger unfassbar beharrter Typ im offenen Bademantel. Dabei streckt er mir ein Bier entgegen.

Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht flüchten, da inzwischen unzählige Gliedmaßen in die offenen Fenster und Türen des Bullis hinein- oder aus ihnen herausragen. Ich gebe mich geschlagen, drehe den Schlüssel im Zündschloss und der Motor geht aus.

Ich atme durch und sehe mich um. Die fünf anderen sind bereits aus dem Wagen gehüpft und auf der Straße hat sich ein Rudel gebildet. Schulz stößt mit 10 Bieren dazu (in jeder Hand 5, wie macht er das?) und verteilt sie unter meinen Gefährten. „Nein danke, ich muss noch fahren“, wehre ich ab, als er mir eins hinhält.

„Jihab au‘ Nuller im Kühlschrank, soich holen?“

„Erstmal nicht, danke“, antworte ich höflich. Ich weiß wirklich nicht, ob ich ein weiteres alkoholfreies Bier vertrage.

Da kommen auch schon die Nachbarn Zwei und Drei. Nummer Zwei ist ein strammer, stämmiger Kerl mit Bart, kurzen, scharfen Haaren und einem tiefen, durchdringendem Organ. Er trägt ein gelbes ärmelloses Shirt und luftige Shorts (vielleicht sogar Badehose), dazu Gummischlappen. Gemeinsam mit Nummer Vier, also dem Bademanteltypen (wo ist der eigentlich?) würde er ein äußerst authentisches Heel-Tag-Team-Duo in der WWE abgeben, die Buffalo-Brothers. Nummer Drei ist demgegenüber ein sehr dünner, agiler und wendiger Typ, der sehr leichtfüßig dahergeschlichen kommt, nicht nur weil er barfuß unterwegs ist. Die größten offensichtlichen Gemeinsamkeiten von Zwei und Drei sind zum einen der Alkoholpegel und zum anderen der Umstand, dass jeder 10 Flaschen Bier in zwei Händen transportiert. So wie Schulz eben. Die Flaschenhälse sind zwischen die Finger geklemmt. Das scheint hier in Borchen die gängige Technik zu sein. Auf jeden Fall beeindruckend.

„Waaas!? Ihr hapt schoooon? Ey, Schulz, was solln das?“ Der stämmige Wrestler-Typ ist sichtlich geknickt. Dann zitiert er Dr. Röhrig nachdem er unzählige Schnäpse mit Frau Hansen gekippt hatte: „Schulz, wie stehen wir denn jetzt da?“ Dann wandert sein Blick zu mir: „Aber eyyyj, du hast noch keins!“

„Ich muss noch fahren“, sage ich wie auswendig gelernt.

„Jiab noch Jever Fun im Kühlschrank!“, seine Augen strahlen.

„Nein danke.“

„Komm schon, Alter“, er legt seine Hand auf meine Schulter. Das scheint bei Besoffenen das Ding zu sein. „Jever Fun, Alter. Fun! Fun bedeutet Spaß, Mann!“

„Na, gut“, jetzt lege ich meine Hände auf seine Schultern, und zwar beide Hände auf beide Schultern (ich muss mich nicht Mals auf Zehenspitzen stellen). Und dann schüttele ich ihn kräftig und schreie ihm ins Gesicht: „Let’s have some Fun!!!“

Man muss sich eben den Gepflogenheiten anpassen. Begeistert hüpft er davon, um mir eine Freude zu machen.

Im selben Moment taucht auch sein Tag-Team-Partner im Bademantel wieder auf. In jeder seiner Pranken trägt er sechs Bier: „Waaaaas?! Iiihha habt alleeee schooon Bia?!“ Er verzieht leidvoll die Fresse. Sorgsam und vorsichtig postiert er seine Flaschen in Reih und Glied neben den anderen 22 auf einer kleinen Gartenmauer, genauer gesagt auf seiner kleinen Gartenmauer. Franca, Benny und ich haben ebenfalls auf dieser Mauer Platz genommen.

Als mein Jever Fun kommt sind dann endlich alle versammelt und es kann mit den Flaschen geklimpert werden.

Die Stimmung ist ausgelassen. Niko geht mit dem leichtfüßigen Barfußtypen und dem ersten Buffalo-Brother Klingelmännchen machen: „Bei den Neuen, da können wir, die haben keine Kinder.“

Benny mutiert zu Dr. Ape und kann nicht aufhören zu grunzen, während Schulz den Knigge zitiert. Er weiß, was sich gehört: „Die Schicks musman immä zuäast begrüßen!“

Franca pflichtet ihm bei. Ich drehe meinen Kopf zu ihr. Wie aus dem Nichts steht da plötzlich eine schwangere Frau im Bademantel mit Babyfon um den Hals. Sie ist die Frau vom Bademanteltypen und meint wir wären schon etwas laut, unter ihrem Schlafzimmerfenster. Ihr Gatte versucht zu beschwichtigen, ist dabei aber sehr ungeschickt und macht im Grunde alles falsch, was man nur falsch machen kann. Er hat wohl nicht den Knigge gelesen. Ich kann die Frau im Bademantel vom Bademantel-Typen im Bademantel jedenfalls gut verstehen. Bei dieser Hitze möchte man nicht das Fenster zu machen und man möchte auch nicht, dass das Kind aufwacht, und man kann sich auch nichts in die Ohren stecken, da man dann das aufgewachte Kind nicht hört, und dass man als Hochschwangere Ruhe und Schlaf braucht, kann ich ebenfalls nachvollziehen.

Niko und die anderen beiden kommen von ihrem Klingelstreich zurück und freuen sich wie 6-jährige. Sie überlegen kurz, ob sie Jule wachklingeln sollen. Aber das trauen sie sich dann doch nicht. Jule genießt eine gewisse Autorität in der Nachbarschaft. Stattdessen wollen sie dann später nochmal bei den Neuen anklingeln.

Plötzlich drehen sich die Gespräche um das Kacken in Gewässer. Da fällt mir ein, dass ich morgen früh um 9 mit der Kleinen im Schwimmbad sein muss, und ich frage mich, ob wir eigentlich noch Schwimmwindeln haben.

„Leude, Zeit zum Austrinken!“, sage ich. „Abfahrt!“ Komischerweise trinken alle recht schnell aus und springen in den Bulli. Leicht gerührt darüber, dass meine verbleibenden vier Gefährten so verständnisvoll auf mich hören und bereitwillig die 33 Mauerbiere zurücklassen, lenke ich den Wagen vorsichtig heraus aus Duttas seiner Siedlung.

Zu fünft machen wir uns also auf den Weg Richtung Proberaum, dem letzten Zwischenstopp. Es entsteht eine warme, wohlige Atmosphäre als wir langsam durch Borchen fahren und uns klar wird, dass ein erfolgreicher Tag zu Ende geht.

Es gibt noch einen kleinen Aufreger, als wir bemerken, dass die Kofferraumtüren offenstehen. Vor meinem inneren Auge sehe ich sämtliches Equipment zerstört und in Einzelteilen in ganz Borchen verstreut auf den Straßen liegen.

Aber meine Sorgen sind unbegründet und es befindet sich alles noch unversehrt im Bulli. So stellt sich auch die harmonische Stimmung schnell wieder ein.

„Hach“, seufzt Benny. „Wie ein richtig schöner Familienausflug.“ Ich drehe mich um. Auch wenn ich im dunklen Rückraum des Bullis nicht viel erkennen kann, bin ich mir sicher, dass Benny, Franca und Renate ein zufriedenes Lächeln in ihrem Gesicht tragen und ihre ruhenden Blicke in verschiedene Richtungen weisen, weil eine Verbundenheit in diesem Moment auch ohne Blickkontakt besteht.

Neben mir ist Niko erneut eingeschlafen. Wie ein unschuldiges Kind sieht er aus. Sein Kopf ist leicht geneigt und ein wenig Sabber rinnt aus seinem Mundwinkel. Mir wird warm ums Herz und unbemerkt kullert eine Träne der Ergriffenheit an meiner Wange herab. Erfolg bemisst sich eben nicht an Zuschauerzahlen, Plattenverkäufen oder der Gage. Ein wirklich schöner Familienausflug, ob nüchtern oder dicht, das ist wahrer Erfolg!

DGK-REPORT: „You can’t do that, man!“ – What happend in Borgentreich?