Brilon was awesome! Und sollte zum absoluten Härtetest für Benny Ben Benson werden. Es gab viele magische Momente. Noch am Proberaum – wir hatten gerade alles in die Autos geladen und wollten auf den Weg machen – schrie Benny auf und uns stockte zum ersten Mal der Atem.
Brilon ist die zweite Show unserer großen Comeback-Tour, die zweite offizielle Show mit Benny Ben Benson an der Gitarre und hoffentlich nicht seine letzte. Wir kehren zurück an Duttas Jugendstätte, das Kump in Brilon. Früher hat Dutta in dieser Szenekneipe gekellnert. Früher, als sich die Jugendlichen hier noch an die Deckeverstrebungen gehängt haben und rotzevoll durch den verklebten, stinkenden Laden geflogen sind. Früher, als man noch dreimal in der Woche einen heben ging und als der Fotzenfritz hier mit seinem Moped und Vokuhila durch die Alstadt knatterte.
Die Altstadt ist übrigens nach wie vor sehr sehenswert, wie wir später feststellen. Viele Fachwerkhäuser, imposantes Stadttor, schöner Markplatz. Hinzugekommen sind ein Bücherregal und die Snackbar.
Wir sind heute frühzeitig angereist. Dieses Mal hatten wir keinen Bulli zur Verfügung und sind mit zwei Autos gefahren. Fahrer sind Benny und (mal wieder) ich. Wenn Benny fährt, muss alles genau geplant und organisiert sein und da muss man pünktlich (10 Minuten vor der Zeit…blablabla) loskommen. Benny und ich werden heute also nüchtern bleiben. Des Weiteren befindet sich Niko in einer abstinenten Phase und Dutta möchte sich (aus Gründen) alkoholtechnisch ebenfalls etwas zurückhalten. Der heutige Abend wird somit nicht allzu sehr eskalieren, sollte man meinen.
Wir treffen uns um 16 Uhr am Proberaum, 15 Minuten später ist alles gepackt und wir sind vollzählig und abfahrbereit. Dutta, den wir eigentlich erst auf dem Weg nach Brilon einsammeln wollten, habe ich bereits abgeholt und das Packen ging auch schneller als gedacht. Trotzdem stresst der nüchterne Benny: „Na dann, los!“
„Ja, locker. Alles easy. Erstmal ein alkoholfreies Bier, oder?“, entgegnet Niko.
„Klar, ich nehme auch eins“, sage ich und nehme auch eins. Und dann geschieht etwas Unglaubliches. Später wird sich herausstellen, dass es nicht nur unglaublich ist, sondern eher einem Wunder gleicht. Niko zieht sein Feuerzeug aus der Tasche, setzt den Hebel an und mit einem lauten Flopp fliegt der Kronkorken von der Bierflasche. Aber das war noch nicht das Unglaubliche. Der Kronkorken beschreibt einen hohen Bogen in der Luft und landet… direkt auf Bennys Kopf! „Ahh“, schreit der und für einen kurzen Moment bleibt die Zeit stehen. Dann brechen wir in Gelächter aus. Wir springen in die Karren und los geht die wilde Fahrt!
Auf der Fahrt erörtern der nach Kokosnuss duftende Dutta und ich ein paar politische Themen und erreichen wie im Nu die Heimat von Friedrich Merz. In Brilon parken wir direkt vor dem Kump. Ich rüttele an der Tür. Sie ist verschlossen. Olsen, ein entspannter 80-er-Jahre-Punk und derzeitiger Betreiber des Schuppens, scheint noch nicht vor Ort zu sein.
Benny und Niko sind derweil ebenfalls eingetrudelt. Benny ist überrascht, dass die Band vor dem Veranstalter vor Ort ist. In der Snackbar zieht er sich erstmal eine Cola aus dem Automaten. Hier wird man nicht von lästigem Personal bedient. Niko und ich stöbern derweil im Briloner Bücherschrank.
Ich höre die Schiebetür eines Bullis und drehe mich um. Dutta ist in einen intensiven Smalltalk verwickelt mit den Leuten von Raiden Wins, der anderen Band des heutigen Abends. Sie sind nicht nur professionell mit einem Bulli angereist, sondern haben auch noch einen Soundmann dabei. Wir schlurfen zu ihnen herüber. Der Neid steht uns offenbar ins Gesicht geschrieben. „Aber wir sind noch nicht vollzählig“, beruhigen Raiden Wins uns. Zumindest reisen sie also ebenfalls provinzbandmäßig mit zwei Karren an, wie wir.
Sie sind eine junge Band, die aus alten Säcken besteht, wie OPPA. Eigentlich gibt es sie als Band aber schon recht lange. Sie haben lediglich eine kleine Umbesetzung vorgenommen, ein paar neue Songs untergemischt und ihren Namen geändert. Sie sind also nicht wirklich eine junge Band und wir nennen sie auch weiterhin Reusable, wobei wir das auch noch (mittlerweile nicht mal mehr bewusst) falsch aussprechen. Das machen alle, sie selbst tun das auch und hatten sich scheinbar damit abgefunden: „R-Oi-sibill!“ Das wird vielleicht auch ein Grund für den neuen Bandnamen sein.
Jedenfalls kennt man sich, hat in der Vergangenheit miteinander die Bühne geteilt und zahlreiche gemeinsame Kneipenabende verbracht. Man versteht sich, nicht bloß auf der Small-Talk-Ebene.
Irgendwer rüttelt nochmal an der Tür. Sie war gar nicht zu, ich war nur zu schwach. Ich schäme mich. Mit gesenktem Kopf ziehe meinen Koffer hinter mir her und betrete den Laden. Es riecht nach Bier von gestern, von vorgestern und von früher. Fröhlich pfeifend und gläserputzend steht Olsen hinter der langen, hölzernen Theke, nimmt uns herzlich in Empfang und serviert uns ein schönes alkoholfreies Bier.
„Seit wann bist du hier?“, frage ich.
„Ich mach das hier jetzt schon seit 3 Jahren oder so“, ist seine Antwort.
„Nee, jetzt, heute, meine ich“, meine ich.
„Ah so, schon ein bisschen.“
Ich lasse meinen Kopf hängen. Hoffentlich trommele ich heute nicht so, wie ich an Türen rüttele.
Wir tragen unsere Sachen rein, ich rolle meinen Teppich auf der Bühne aus und wir beginnen gemächlich mit dem Aufbau. Die Bühne ist nicht so groß und ich muss mit meinem Schlagzeug ordentlich rücken und mich quetschen, da Benny ungefähr ein Drittel der Fläche für sein übertriebenes Gigboard benötigt. Er ist halt größere Bühnen gewöhnt. Er dreht auch direkt ohne Vorwarnung voll auf, um an seinem Sound rumzuschrauben. Keiner kann sich mehr unterhalten, egal. Oder gibt es Wichtigeres als den Gitarrensound? Steckt euch halt was in die Ohren und haltet die Fresse. Irgendwann sind dann alle bereit für den Soundcheck. Doch da bemerkt Dutta, dass er seine Gitarre zu Hause vergessen hat. Also ich verstehe das nicht. Wie kann einem sowas passieren? Ich meine, Kabel, Gurt, Saiten, Stimmgerät, Ersatzunterhose, alles gut, kann passieren, aber die Gitarre?! Als Gitarrist?! Ich schüttele den Kopf, wende mich ab und rolle heimlich mit den Augen.
Zum Glück hat Dutta eine nette Frau (wobei man in diesem Zusammenhang von Stefans Frau sprechen sollte). Sie erklärt sich direkt bereit, die Gitarre vorbeizubringen. Nicht ganz uneigennützig, denn im stressigen Familienalltag sind Autofahrten wie Pausen.
Niko und ich nutzen die Wartezeit für Sightseeing in Brilon. Wir besichtigen Altstadt, Stadtmauer und Kirche. Wir lassen uns entspannt treiben. Niko ist dabei entspannter als ich. Er kann das einfach. Er ist der Dude. In dieser Hinsicht kann man sich einiges bei ihm abgucken.
„Ganz nett hier“, meine ich, während wir auf dem Marktplatz stehen.
„Ja, zumindest als Tourist“, entgegnet Niko.
Wir schlendern weiter zu einer Galerie und blicken stumpfsinnig in das Schaufenster. Ich versuche über die Bedeutung von Kunst in den heutigen Zeiten zu philosophieren, als wir glücklicherweise von Dutta aus der Ferne unterbrochen werden: „Jungs, die Gitarre ist da!“
Vor dem Kump halten wir noch ein kurzen Pläuschchen mit Frau Dutta, die sich anschließend wieder auf den Heimweg macht. Dann betreten wir das Etablissement von Neuem.
Nach dem Soundcheck füllt sich auch schon langsam der Laden. Unter den Gästen wird direkt ordentlich bestellt, gepölmt und gequatscht. Einige kommen bereits gut angetrunken zur Tür hereingetorkelt. Jede kennt hier scheinbar jeden, jeder jede, jede jede und jeder jeden. Wie selbstverständlich werden wir in Plaudereien eingebunden. Ich höre nicht zu und frage mich stattdessen, ob diese Menschen wohl davon ausgehen, mich zu kennen. Na klar, kenn ich den. Ich kenn doch jeden hier. Die Fresse ist mir zwar gänzlich unbekannt, aber das heißt ja nix. Ich kenn doch jeden hier. Manche Fressen vergisst man halt wieder. Vor allem solche. Aber ich werde den wohl schon kennen. Oder ist es einfach die offene Briloner Art, die unsereins als kaltherzige Paderborner überrascht? Aber doch nicht im Sauerland, oder? Gut, „Smalltalk-Dutta“ macht auch den Eindruck, hier jeden zu kennen, aber das könnte ja auch tatsächlich der Fall sein. Er hat schließlich früher hier gekellnert. Egal, ich schiebe es vorerst auf den Alkohol. Der erklärt immer Einiges.
Moe und sein Kumpel mit der Seemanns-Mütze schlurfen lachend an uns vorbei. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass der Typ mit der umgedrehten Cap Moe heißt. Und wir wissen auch noch nicht, dass die Gesichter der beiden später Bekanntschaft mit der Bühnenkante machen werden.
Immer skurrilere Gestalten tauchen auf. Drei von der Sorte sitzen regungslos an der Bar und starren wie frisch entlassene Straftäter apathisch ins Leere. Außer mir scheint das niemand zu registrieren. In regelmäßigen Abständen nehmen sie einen großen Schluck aus ihren mit Schnaps gefüllten Cocktailgläsern.
Ein anderer Gast mit Jeans, Boots und schwarzer Sportjacke, nennen wir ihn Piotr, steht kopfnickend und grinsend mitten im Raum zwischen all den anderen Gästen. Er ist komplett weggetreten. Seine Beine scheinen von seinem Verstand entkoppelt zu sein, sonst könnte er sicherlich nicht mehr stehen. In seinem Gesicht ein unkontrolliertes, immer breiter werdendes Grinsen, als wäre er gerade dabei, den besten Witz aller Zeiten zu verstehen.
Neben mir singen ein paar Leute Schlager, andere unterhalten sich hingabevoll mit einer Barfrau. In der gegenüberliegenden Ecke des Raums grölt eine jugendliche Anarcho-Punkerin mit aufgestelltem, grünen Iro gemeinsam mit ihren Freundinnen einen Ton-Steine-Scherben-Klassiker. Benny steht neben mir. Sein Blick sagt ebenfalls: „Wir müssen hier raus!“
Niko findet hingegen, dass sich der Abend bereits sehr interessant entwickelt, bevor er so richtig begonnen hat. Ich bin ebenfalls entzückt. Ekstase und Eskalation liegen in der Luft. Eskalation und Ekstase. Small-Talk Dutta ist derweil in seinem Element.
Dann geht‘s los. Raden Wins hitten die Stage. Sie liefern ordentlich ab und das Publikum geht direkt mit. Es ist zwar erst deren fünfte Show, aber wir wissen ja, dass sie die Erfahrung von Reusable mitbringen. Das ist auch gut, denn so ein durchgedrehtes Publikum muss man zu händeln wissen. Niko und ich genießen den Auftritt aus den hinteren Reihen. Dutta bewegt sich wie ein Erdmännchen durch den Raum und sein Kopf taucht mal hier und mal dort auf. Raiden Wins ballern kräftig weiter. Von Song zu Song steigert sich die Euphorie der Zuhörer, sowie das Entsetzen in Bennys Blick. Beides erreicht beim letzten Song vorerst seinen Höhepunkt.
Dann sind wir dran. Schnell wird umgebaut. Ich schraube Becken an und ab und richte die Trommeln nach meinen spieltechnischen Bedürfnissen aus. Im Blickwinkel registriere ich, wie Benny stöhnend sein Gigboard in Position hievt. Dutta liegt sich mit alten Bekannten an der Theke in den Armen und ist am Quatschen. Aber der muss ja auch nur seine Gitarre einstöpseln. Niko steht spielbereit in Position. Ich sitze hinter dem Schlagzeug und lasse meinen Blick weiter schweifen. Die Gäste haben sich vorübergehend beruhigt. Wie das Meer nach einem Sturm schaukeln sie in der Kneipe hin und her, eine gezähmte Brandung, die nur darauf wartet, dass das Unwetter wieder aufkommt.
Als Dutta mit einem lauten Knacken seine Gitarre einstöpselt, richten sich die Köpfe und Körper schlagartig auf. Ich zähle ein: 1,2,3,4. Wir starten mit „I wanna be sedated“. Die Meute gerät sofort wieder in Aufruhr und schwappt gegen die Bühne. Einige verschütten ihre Biere, andere verschlucken sich daran. Fast so, als hätte jemand Benzin in eine lodernde Glut gekippt. Ich fühle mich hinter meinem Schlagzeug weiter hinten auf der Bühne recht sicher, aber in Bennys Gesicht sehe ich Angst und Schrecken. Das Ein-Ton-Gitarren-Solo beim Ramones-Klassiker spielt er normalerweise lässig mit einer Hand, während er sich mit der anderen arrogant in der Nase popelt. Aber heute spielt er das Solo garnicht. Eine große Welle bricht sich an der Bühnenkante und ein paar Betrunkene stürzen in Bennys Gigboard. Der Gitarren-Sound verändert sich und Benny ist entsetzt. Er schubst die Leute von seiner Elektronik. Wut und Verzweiflung in seinem Gesichtsausdruck. Fragend schaut er zu uns herüber. Unbeirrt und grinsend spielen wir weiter. Was soll ich denn jetzt machen? scheint er sich zu fragen. Was sollen WIR denn jetzt machen? Können wir bitte abbrechen!? So kann ich jedenfalls nicht weiterspielen. Die fallen doch gleich wieder da drauf. Leute, tut doch mal was!
Unbeirrt und grinsend spielen wir weiter. Benny, einfach weiterspielen! Scheiß was drauf!
Benny spielt weiter, aber guckt dabei ziemlich angepisst. Fällt nur mir das auf? Dem Publikum jedenfalls nicht, oder es ist ihm komplett egal. Als der Song vorbei ist, meint Benny: „Tja, ich muss jetzt hier erstmal alles neu einstellen.“
Er möchte, dass wir sein Entsetzen teilen, aber nicht mit mir. Mit Dutta sowie so nicht. Der lässt sich seine gute Laune nicht verderben. Von Niko gibt es immerhin etwas Einfühlsamkeit, indem er seine Mundwinkel nach unten zieht und leicht nickt. Schnaubend schraubt Benny an seinen Knöpfen herum und zeigt widerwillig Bereitschaft, das Konzert fortzusetzen. Die Menge grölt und tobt. So ein großartiges Konzert hatten wir schon lange nicht mehr.
Dann geht es weiter. Benny spielt erstaunlich souverän, dafür dass sein Fokus weniger auf dem Gitarre spielen liegt als darauf, kopfschüttelnd die torkelnden Tänzer von seinem Gigboard wegzutreten. Es ist einfach herrlich.
Allerdings zeigt Bennys Gesichtsausdruck zunehmend ernsthafte Genervtheit. Diesen Auftritt mache ich jetzt noch zu Ende und dann steig ich aus, scheint sein Blick zu sagen. Ich bin größere Bühnen gewöhnt.
Dabei ist bis zu diesem Zeitpunkt alles noch recht harmlos verlaufen. Pogend, torkelnd, tanzend und sich in den Armen liegend taumeln Moe und der lange, schmächtige Seefahrer Richtung Theke. Wir spielen gerade „Weekend Fire“. Die Theke hat ungefähr einen Meter Abstand zur Bühne. Kurz zuvor ist darauf noch ein Bier umgefallen. Ohne sich voneinander zu lösen, erklimmen Moe und sein Kumpel gemeinsam den Tresen. Was haben sie vor? Egal was passiert, ich spiele weiter. Gute Punkbands machen das so. Die spielen einfach weiter. Das signalisiert, das man auf alles scheißt! Und das zeigt einen gewissen Respekt gegenüber dem Publikum, also gegenüber dem Teil des Publikums, der sich zu benehmen weiß. Moe und der Seefahrer haben sich mittlerweile auf der Thekenplatte aufgerichtet und stehen mitten in der Bierpfütze. Die Theke ist ungefähr 1,20m hoch, Moe und sein Kumpel sind nicht gerade klein, locker 1,80m groß. Die Höhe der Bühnenkante ist etwa 40cm. Ich denke nach. Kurzes Schlagzeugfill in den Refrain. Satz des Phythagoras. Wurzel aus 7,25, ungefähr 2,70m dürfte der Abstand zwischen den Gesichtern und der Bühnenkante betragen. Moe und der Matrose haben mittlerweile mit dem Tanzen begonnen. Wie nennt man noch gleich diesen Tanz, den die Funkenmariechen an Karneval machen, oder nein, es ist eher so ein irischer Volkstanz, bei dem man sich in den Armen liegt und immer die Knie nach oben und die Füße nach vorne schmeißt. Das passt auch besser zu den beiden auf dem Tresen. Egal. Die beiden hüpfen auf der schmalen Thekenplatte in einer Bierpfütze und liegen sich dabei in den Armen. Gebannt schauen wir zu ihnen, während wir weiter unseren Song spielen. Halftimepart. Der Tanz wird wilder. Die wollen es doch, die wollen doch da runterfallen? Sie scheinen es jedenfalls darauf anzulegen. Einfach weiterspielen. Refrain. Niko singt: „… I need some brain damage, how about you? Getting messed up all night, my thoughts just fly around, until my body hits the ground.“ Moe tritt ins Leere, er verliert das Gleichgewicht, gerät in Vorlage, hängt noch an seinem Kumpel. Sie straucheln… vor…zurück…vor. Aufgerissene Münder und Augen, bei jenen, die diese Szene beobachten. Dann können Moe und sein Kumpel das Gleichgewicht nicht mehr halten und fallen vornüber. Ungefähr 2,70m legen ihre Gesichter zurück, bevor sie auf der Bühne aufschlagen. Alle zucken zusammen. Dann ist es still. Schockstarre. Keiner bewegt sich. Benny ist der erste, der eine Reaktion von sich gibt. Er zieht den Stecker aus seiner Gitarre und springt von der Bühne: „Ich bin raus!“ Moe und sein Kumpel liegen weiter regungslos da. So als würden sie schlafen und die Bühne als Kopfkissen benutzen. Dann tropft Blut von der Bühnenkante auf den Fußboden und auf den Bühnenbrettern bildet sich eine Lache. Gut das Bennys Gigboard auf der anderen Seite steht. Obwohl… das wäre jetzt auch egal. Der Krankenwagen kommt, nimmt die beiden mit und der Abend ist gelaufen.
Dieses Szenario spielt sich in Duttas Kopf ab, während die beiden Gesichter auf die Bühnenkante zusteuern. In Wirklichkeit läuft es glücklicherweise anders ab. Die Gesichter schlagen auf. Alle zucken zusammen. Die beiden heben grinsend ihre unversehrten Fressen, rappeln sich auf und tanzen weiter. Der Schmerz kommt morgen.
Ich bin stolz, meinen Plan in die Tat umgesetzt und einfach weitergespielt zu haben. Dutta und Niko haben im Moment des Aufpralls ganz kurz innegehalten. Gut, die Gesichter sind auch unmittelbar zwischen ihren Füßen gelandet, da will man instinktiv zur Hilfe schreiten. Aber was ist das? Das Schlagzeug trommelt weiter. Also spielen wir auch weiter! Ebenfalls Instinkt.
Die Stimmung ist jetzt richtig gut. Das Publikum tanzt, trinkt, skandiert und grölt Songs mit, die es garnicht kennt. Piotr taumelt glücklich durch den Pit. Wenn man ihn beobachtet, ist es schwer zu sagen, ob er ein äußerst erfahrener Besucher von Punkkonzerten ist oder ob er heute zum ersten Mal bei so einer Veranstaltung ist. Beides möglich. Des Öfteren landet der auf dem Fußboden, aber insgesamt sind die Leute nach dem großen Schreck rücksichtvoller geworden. Sie fallen auch nicht mehr so häufig in Bennys Gigboard. Es macht einfach großen Spaß.
Nach der Show sind alle recht beseelt. Gemächlich bauen wir ab und laden die Sachen in die Autos. Dutta ist schnell wieder in oberflächliche Small-Talk-Plaudereien vertieft. Fürsorglich trage ich seine Gitarre in den Hinterhof zu Bennys Karre. Rauchend lehnt Niko daran, während Benny bei offener Tür auf der Beifahrerseite sitzt: „Ich weiß nicht, für mich ist das irgendwie nichts.“
„Ach was, war doch witzig“, meine ich.
„Mir hat es auch ganz hervorragend gefallen“, bestätigt Niko.
„Also dann müsste ich beim nächsten Mal aber ohne Gigboard spielen“, überlegt Benny.
Moe kommt aus der Hintertür in den Hof. Er holt seinen Pimmel raus und beginnt, gegen die Hauswand zu pissen. Seine frisch angezündete Zigarette fällt ihm aus dem Mundwinkel. Er überlegt, ob er es in seinem Zustand wohl schaffen würde, während des Pissens die brennende Zigarette aufzuheben, ohne sich dabei vollzupinkeln. Wir müssen lachen und Moe bemerkt, dass er Zuschauer hat. Allerdings nicht so viele wie beim Thekensturz. Vielleicht siegt deswegen dieses Mal die Vernunft. Er lässt die Kippe erstmal liegen und konzentriert sich auf das Entleeren der Blase: „Leute, das war richtig geil! Wie früher. Das hat richtig Spaß gemacht. Und ich bin von der Theke gefallen. Wie früher. Ich bin übrigens Moe.“
Wir bedanken uns bei Moe für seinen Einsatz und quatschen ein bisschen über die alten Zeiten. Eine ganze Weile stehen wir noch im Hof. Verschiedene Leute kommen vorbei und bringen sich ein. Auch Olsen kann viel über die alten Zeiten berichten. Ihm hat der Abend ebenfalls sehr gut gefallen. Benny bleibt weiterhin skeptisch.
Ich gehe rein und hole mir ein alkoholfreies Bier. Dann sage ich Dutta Bescheid, das wir loswollen. Bis der sich von allen verabschiedet hat, kann das immer eine Weile dauern. Ich begebe mich unterdessen wieder zu den anderen in den Hof. Raiden Wins haben sich mittlerweile ebenfalls dazugesellt. Auch sie sind äußerst zufrieden mit dem heutigen Abend. Aber das Highlight steht noch bevor, und zwar unmittelbar.
„Gib mal Feuer“, sage ich in die Runde. Irgendwer gibt mir eins. Ich ziehe die Flasche alkoholfreies Bier aus meiner Hosentasche und setze den Hebel an. Ich will es im Hinterhof möglichst laut ploppen lassen und der Deckel soll ordentlich fliegen. Die Hand darf den Kronkorken nicht berühren und die Bewegung mit dem Feuerzeug muss so schnell und explosiv wie möglich erfolgen. Innerlich zähle ich bis 4 (normale Menschen zählen wahrscheinlich innerlich bis 3, aber ich bin Schlagzeuger). Dann volle Kraft voraus, Feuer frei. Flopp! Ganz ordentlich, der Plopp. Der Kronkorken hebt ab. Alle blicken hinterher. Die Zeit verlangsamt sich. Der Flaschenverschluss fliegt senkrecht in die Höhe: ein Meter…zwei Meter…drei Meter… Dann ändert er auf wundersame Weise seine Richtung. Denn eigentlich ist kein Windstoß zu spüren. Ich schwenke mit meinem Blick in die Gesichter von Raiden Wins. Ihre Münder stehen weit offen. Auch Olsen starrt ungläubig in den Himmel. Moe lässt sein Bier fallen. Als die Blechkrone ihren höchsten Punkt erreicht hat, schnellt sie plötzlich in einem unwahrscheinlichen Tempo hinab. Wie von einem Moster-Magneten angezogen schießt das gezackte Miststück zielstrebig Richtung Beifahrerseite.
„Ahhh“, schreit Benny. „Das gibt’s doch nicht!“
Niko nickt lässig mit dem Kopf: „Das ist ein Zeichen!“

